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Wer hat Angst vor Thomas Malthus?

Keine der besorgniserregenden Vorhersagen zu Überbevölkerung und globalen Hungersnöten ist eingetroffen. Sollten wir uns also immer noch Sorgen über die wachsende Weltbevölkerung machen?


Wer hat Angst vor Thomas Malthus?

Manchmal kann es schon unbequem sein – so wie auf diesem überfüllten Bahnhof in Mumbai. Aber nicht jeder ist der Meinung, dass zu viele Menschen auf der Erde leben (Foto: Reuters)

 

Zu viele Menschen und zu wenig Nahrung – dieses Schreckgespenst verfolgt Wissenschaftler und Philosophen schon seit Aristoteles. Am bekanntesten ist Thomas Malthus, der 1798 eisern behauptete, die Bevölkerung werde schneller wachsen als die Nahrungsmittelproduktion; dies wiederum werde zu Tod und Elend führen.

 

Die Industrielle Revolution und neue Anbaumethoden im 19. Jahrhundert sorgten jedoch dafür, dass es nicht zu einer weltweiten Hungersnot kam.

 

Mehr als 150 Jahre später veröffentlichte Paul R. Ehrlich seinen Bestseller „The Population Bomb“ (deutscher Titel: „Die Bevölkerungsbombe“), in dem er vorhersagte, dass in den 1970er und 1980er Jahren mehrere hundert Millionen Menschen verhungern würden.

 

In der Tat gab es in dieser Zeit einige verheerende Hungersnöte, beispielsweise in Bangladesch und in Äthiopien, aber das globale Ausmaß, das Ehrlich vorhergesagt hatte, wurde nicht erreicht. Aber auch wenn die Schreckensvisionen von Malthus und Ehrlich nicht eingetreten sind: Theorien über die Gefahren der Überbevölkerung stoßen noch immer auf öffentliches Interesse.

 

Die Menschheit steuere in den kommenden Jahrzehnten auf eine gefährliche Bevölkerungsexplosion zu, sagt beispielsweise Jared Diamond, der Autor von „Kollaps“ – ein weiterer Bestseller.

 

In seinem Buch geht er auf die blutigen Auseinandersetzungen in den 90er Jahren in Ruanda ein – eines der am dichtesten besiedelten Länder der Erde. Er zeigt auf, was passieren kann, wenn Bevölkerungswachstum und Probleme wie Umweltzerstörung und Nahrungsmittelknappheit aufeinandertreffen.

 

Gibt es wirklich eine „Bevölkerungsbombe“?

Malthus, Ehrlich und Diamond werden vor allem von Wirtschaftswissenschaftlern und Theoretikern kritisiert, die bestreiten, dass das Bevölkerungswachstum die Lebensqualität einschränkt.

 

Einer von ihnen ist der US-amerikanische Nationalökonom Nicholas Eberstadt. Er führt an, dass die Überbevölkerung nicht die alleinige Ursache für schlechte Lebensbedingungen ist. Weltweit habe sich der Lebensstandard im 20. Jahrhundert erheblich verbessert, obwohl sich die Weltbevölkerung in diesem Zeitraum fast vervierfacht hat, schreibt er.

 

„Die meisten Menschen verbinden ‚Überbevölkerung‘ oder ‚zu viele Menschen‘ gedanklich mit Bildern von hungernden Kindern, sich unkontrolliert ausbreitenden Krankheiten, armseligen Wohnbedingungen und fürchterlichen Slums“, schreibt Eberstadt. „Aber die korrekte Bezeichnung für diese Zustände lautet Armut.“ 

 

Länder wie Taiwan, Südkorea oder die Niederlande beweisen, dass auch in dicht besiedelten Gebieten Wohlstand möglich ist. Trotz alledem haben die Befürchtungen, dass das Bevölkerungswachstum die Entwicklung hemme, die Familienplanung seit den 1950er Jahren in hohem Maß beeinflusst. 1969 gründeten die Vereinten Nationen den Bevölkerungsfonds (UNFPA), der weltweit Maßnahmen zur Familienplanung unterstützt.  

 

Ende der 1970er Jahre führte die chinesische Regierung die bekannte Ein-Kind-Politik ein. Viele kritisieren dies als menschenunwürdig, doch durch diese Methode wurde das chinesische Bevölkerungswachstum immerhin so weit gebremst, dass China demnächst von Indien als bevölkerungsreichstes Land abgelöst wird. 


 

Der Gipfel ist erreicht

Zwar wird die Bevölkerungszahl weiter wachsen, doch die Geburtenraten sind in den vergangenen Jahrzehnten weltweit gesunken. Das starke Wachstum, das die Demografen in den 1970er und 1980er Jahren so beunruhigte, flacht ab.

 

In einigen Ländern wie Japan, Italien, Russland und China sind die Geburtenraten sogar niedriger als die Sterberaten. Das bereitet den Regierungen bei der Erhaltung der Armeen oder bei Rentenmodellen ernsthafte Probleme.

 

In Entwicklungsländern verläuft die Stabilisierung der Einwohnerzahl langsamer und weniger spürbar. Das ist besonders in Afrika der Fall. Allerdings rechnen die Vereinten Nationen damit, dass die durchschnittliche Geburtenrate in den unterentwickelten Ländern um 2,1 Kinder pro Frau fallen wird.

 

Damit würden sich Geburten- und Sterberaten so weit aneinander annähern, dass die Bevölkerungszahl konstant bleibt. In Schwellenländern wie Indien werden die Geburtenraten dank des steigenden Lebensstandards sinken – so wie es überall in den Industriegesellschaften geschehen ist.

 

Derzeit wächst die Weltbevölkerung noch, aber nach der Einschätzung von Demografen wird der Gipfel etwa Mitte des Jahrhunderts bei etwa neun bis zehn Millionen Menschen erreicht sein. Danach wird die Weltbevölkerung vermutlich allmählich abnehmen.

 

Eine schwere Last

Überbevölkerung ist für viele Menschen gleichbedeutend mit Verkehrsstaus zu Stoßzeiten oder überfüllten U-Bahnen. Für Wissenschaftler ist die Belastbarkeit – wie viele Menschen die Erde ernähren kann – die Größe, mit der gemessen wird.  Fachleute der Welternährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen sind der Meinung, dass es mit etwas gutem Willen seitens der Politik und mit der vorhandenen Technologie durchaus möglich ist, 6,6 Milliarden Menschen oder mehr zu ernähren.

 

Allerdings ist unklar, ob die Ökosysteme der Erde – Wasservorräte, Wälder, Fischbestände und Klima – weitere drei bis vier Milliarden Menschen verkraften können. An manchen Orten wird dies nicht funktionieren, sagt Shivar Shankar von der indischen Universität Bangalore.


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Zwar brachte die sogenannte „Grüne Revolution“ der 60er bis 80er Jahre Verbesserungen bei Bewässerung, Saatgut und Düngemitteln; doch in Indien, sagt Shankar, hätten sowohl Bewässerung als auch landwirtschaftliche Produktivität ihren Höhepunkt erreicht.

 

Für die Zukunft sei eine Verschlechterung zu erwarten. Weitere Faktoren, wie etwa der Wassermangel in Indien und Teilen Afrikas, werden ebenso dafür sorgen, dass manche Regionen die hohen Einwohnerzahlen immer weniger verkraften.

 

Nach Ansicht der meisten Demografen wird die Weltbevölkerung vor allem in den Entwicklungsländern wachsen. Allerdings bedeutet eine wachsende Bevölkerung für ein armes Land ohne entsprechende Infrastruktur mehr als nur eine Unannehmlichkeit. Auch im 21. Jahrhundert können Wasser- und Lebensmittelknappheit sowie medizinische Unterversorgung noch immer tödliche Folgen haben.  

 

Autor: Valdis Wish

Veröffentlicht am: 12. Mai 2009

 
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