Mit der zunehmenden Verbreitung von Mikrofinanzierungsmodellen häuft sich auch die Kritik daran: Kredite für arme Menschen ohne Grundwissen über Finanzen könnten eine Schuldenfalle werden. Wie groß ist die Gefahr wirklich?
87.000 Bauern in Indien begingen in den Jahren 2002 bis 2006 Selbstmord, so das staatliche National Crime Records Bureau in Indien. Der Grund: schlechte Ernten und hohe Schulden.
Und die höchste Suizidrate der Welt haben junge Frauen in Südindien. Das belegt ein Artikel des renommierten britischen Medizinjournals ‚The Lancet’ aus dem Jahr 2004.
Sudhirendar Sharma, früher Analyst bei der Weltbank und heute Direktor der Ecological Foundation in Delhi, glaubt, dass die Mikrofinanzierung eine Ursache für das Problem ist. „Die Selbstmorde auf dem Land“, schreibt er, „werfen einen dunklen Schatten auf den aufstrebenden Mikrofinanz-Sektor.“
Sharma beanstandet, dass Wucherzinsen von bis zu 40 Prozent und Zwangseintreibungen von Schulden die Armen einschüchterten. Diese und andere Vorkommnisse führten zu einer wachsenden Kritik an Mikrokrediten, weil arme Menschen durch sie in eine Schuldenfalle gerieten.
Suvarna Gandham, Managerin des Mikrofinanzfonds Oikocredit in Indien hingegen sagt, die Mikrofinanzierung sei nicht Schuld an den Suiziden. Viele der Selbstmörder hätten unbeglichene Schulden bei kommerziellen Banken und Geldverleihern, nicht bei Mikrofinanz-Institutionen (MFI).
Außerdem sieht Gandham in den hohen Suizidraten ein Symptom für Indiens gewaltige wirtschaftliche Veränderungen. „In vielen Schwellenländern ist die Selbstmordrate in die Höhe geschossen, weil viele Menschen nicht in der Lage sind, sich den verändernden wirtschaftlichen Verhältnissen anzupassen“, sagt sie.
In Indien verschlimmerte eine Dürre die Situation der Bauern zusätzlich. Die Mikrofinanzierung, so Gandhams Gegenargument, könne arme Menschen vor der Schuldenfalle bewahren, weil sie eine Alternative zu lokalen Geldverleihern sei, die für Wucherzinsen von bis zu 1000 Prozent bekannt sind.
Keine Jobs, keine Entwicklung?
Wirtschaftswissenschaftler haben den Einfluss der Mikrofinanzierung auf das nationale Wirtschaftswachstum untersucht und halten bisher nicht viel von Mikrokrediten. Aneel Karnani, Professor an der Ross School of Business der Universität Michigan, USA, legt dar, dass Mikrokredite weder die Zahl der Arbeitsplätze steigern, noch das Bruttoinlandsprodukt eines Landes.
Um seine Kritik zu veranschaulichen entwirft Karnani ein Gedankenexperiment: In einem ersten Szenario gibt ein Geldverleiher 500 Frauen jeweils 200 Dollar, damit jede eine Nähmaschine kaufen und ihr eigenes Mikrounternehmen gründen kann.
Im zweiten Szenario leiht ein konventioneller Finanzierer einem Einzelunternehmer 100.000 Dollar, der damit eine Bekleidungsfabrik eröffnet und 500 Menschen einstellt.
Im ersten Fall müssen die Frauen genug Geld verdienen, um die üblicherweise mit hohen Zinsen belasteten Darlehen abzuzahlen. Gleichzeitig konkurrieren sie untereinander alle in genau demselben Marktsegment. Der Bekleidungshersteller hingegen kann sich die Vorteile seines Großbetriebs zunutze machen und moderne Techniken einsetzen.
„Das größte Problem der Mikrokredite ist, dass die Leute mit diesen geringen Darlehen in der Regel ein kleines, sehr einfaches Geschäft eröffnen oder erweitern“, schließt er. „Wir müssen aber mehr Jobs schaffen und Mikrokredite helfen dabei bisher nicht.“
Überraschenderweise stimmt Suvarna Gandham zu. „Was erwarten Sie, wenn Sie jemandem einen 70-Dollar-Kredit für ein Jahr geben? Welche Wunder können Sie erwarten? Bestenfalls kann die Person überleben und ihre Lebensqualität ein wenig verbessern.“
Mikrofinanzierung, sagt sie, sichere das Existenzminimum armer Menschen. Die Frage sei, ob man das als Fortschritt ansehe. Für Gandham ist die Antwort klar: „Sie können zwei Mahlzeiten am Tag essen und ihre Lebensqualität leicht verbessern.“ Das allein, meint sie, ist den Aufwand wert.
Angemessene Zinsen?
Viele Menschen heißen die Idee der Mikrofinanzierung gut, sind aber schockiert über die zweistelligen Zinssätze, die MFIs von ihren armen Kunden verlangen. Und Y. S. Rajasekhara Reddy, Regierungschef im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh, klagte, manche Mikrofinanz-Institutionen seien „schlimmer als die Geldverleiher“, weil sie Zinssätze von über 20 Prozent verlangten.
Doch Survana Gandham führt an, dass ein „angemessener“ Zinssatz die Kosten für beides, die Finanzierung und die Verteilung der Darlehen, abdecken müsse. Geld in die Dörfer zu liefern könne teuer sein, sagt sie, und rechtfertige Zinssätze von 20 bis 25 Prozent für den Darlehensnehmer. Diese Lieferkosten zu verringern hieße, den Angestellten der Mikrofinanzierer weniger als den üblichen Lohn zu von rund 100 Dollar pro Monat zu zahlen.
Vielen Armen fehle das Grundwissen über Finanzen und die Erfahrung, um mithilfe von Fremdkapital ihren Wohlstand zu steigern, sagen Kritiker. Statt die Mikrokredite in ein Geschäft zu investieren, geben viele arme Kunden sie für Hochzeiten oder Festivals aus oder kaufen sich etwas.
„Sogar in reichen Ländern wissen viele nicht, wie man mit Fremdkapital umgeht“, sagt Aneel Karnani. „Sie glauben, mit einer Kreditkarte könnten sie alles kaufen. Wenn man einen Mikrokredit bekommt, muss das aber nicht heißen, dass man jetzt die Dinge kaufen kann, die man sich vorher nicht leisten konnte.“
In manchen Situationen haben arme Menschen jedoch gar keine andere Wahl als Kredite aufzunehmen, sagt Ralf Radermacher von der Micro Insurance Academy in Delhi. Die Hauptursachen für Kreditausfälle, so Radermacher, seien Krankheit oder Tod eines Familienangehörigen.
„Ich glaube, in solchen Notlagen sind Menschen besonders schutzlos und müssen Kredite aufnehmen, sogar zu ungünstigen Konditionen“, sagt Radermacher. „Das kann in eine Schuldenfalle führen.“ Mikroversicherungen, meint er, könnten davor möglicherweise schützen.
Ein weiteres, sogar unter Befürwortern der Mikrofinanzierung anerkanntes Problem ist ihr rasches Wachstum. Immer mehr Institutionen bedienen dieselben regionalen Märkte. Das führt mancherorts zu heftigem Wettbewerb.
„MFI Nummer eins gibt Frau X einen Kredit und MFI Nummer zwei versucht ihr ebenfalls einen zu geben“, sagt Gandham. „Wir nennen das Mehrfachkredite, die zu Problemen führen können.“ Doch Gandham beharrt darauf, dass beide Seiten sehr schnell dazulernten, denn Ausfälle seien weder im Interesse der Kreditgeber noch der Kreditnehmer.
Autor: Thilo Kunzemann
Veröffentlicht am: 17. Juni 2009